Perspektiven - unter diesem Titel veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Kommentare, Essays und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht des Autoren Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute der Kulturwissenschaftler Dr. Klaus Nicolai zur Frage, wie die Trennung von Wissenschaft und Kunst in Dresden überwunden werden kann. Er plädiert dafür, einen Innovatorium genannten Erlebnis- und Forschungskomplex im Ostragehege zu errichten.
Dresden hat sich zu einer europäischen Metropole des Tourismus entwickelt, die mit ihrem Dreiklang von Architektur, Landschaft und Kultur alljährlich Millionen Gäste anzieht. Dass die Stadt dabei deutschlandweit die größten Zuwächse zu verzeichnen hat, ist auch der Unterstützung des Landes Sachsen zu verdanken, das Hunderte von Millionen Euro in den Wiederaufbau, die Rekonstruktion und Restaurierung der Dresdner Altstadt investierte. Dies erzeugte weltweite Aufmerksamkeit. So empfiehlt das Reisemagazin der Deutschen Bahn den Genuss des "Canaletto-Blicks" unter der Überschrift "Barocke Visionen neu entdecken". Allerdings sind es "barocke", nicht heutige Visionen, auf denen das wiedererstandene historische Stadtbild gründet! Ein Stadtbild, das frisch frisiert und endlos vervielfältigt durch die globalisierte Welt geistert.
Ist die Fassade so mächtig, dass sie den "Rest" der Stadt gnadenlos in den Schatten stellt? "Eine historisch bedeutende Stadt im unterentwickelten Osten" - so lautet die überwiegende Bewertung Dresdens in einer Befragung von Studenten zum Image deutscher Universitätsstädte. Beherrscht das historische Bild der Stadt nur die Besucher oder auch die Dresdner selbst? Was sind die heutigen Entwürfe und Visionen, welche die lebendige Identität der Stadt prägen? Welche Botschaft kann von Dresden in einer sich dramatisch verändernden und vernetzten Welt ausgehen?
Stadt des 21. Jahrhunderts
Während sich Politiker und Bürger mit Entscheidungen zum Neubau von Philharmonie, Staatsoperette, Kunsthalle (Gewandhaus) und einer überdimensionierten Elbquerung fast Jahrzehnte beschäftigen, bleiben Visionen einer Kultur- und Kunststadt des 21. Jahrhunderts außen vor. Auch die Leistungen bei der Rekonstruktion des Deutschen Hygiene Museums sowie des Festspielhauses Hellerau können darüber nicht hinwegtäuschen.
Parallel zum weitgehend musealen Wiederaufbau eines untergegangenen Stadtbildes hat sich Dresden zu einem international bedeutsamen Standort der Hochtechnologie, Forschung und Bildung entwickelt. Dresden zählt auf Grundlage einer weitsichtigen Investitionspolitik heute zu den fünf wichtigsten Zentren der Mikroelektronik in der Welt. Die Technische Universität und die Ansiedlung von 19 bedeutenden Forschungsinstituten haben Dresden zur führenden Wissenschaftsstadt im Osten Deutschlands profiliert. Allein in der Mikroelektronik und in den Forschungsinstituten sind weit über 30 000 meist hoch qualifizierte Mitarbeiter aus mehr als 40 Ländern tätig. In Dresden und im näheren Umfeld der Stadt werden beispielhafte Verknüpfungen zwischen Forschung und Technologieentwicklung nicht nur in der Werkstoffforschung, der Mikro- und Nanotechnologie, des Maschinen- und Anlagenbaus sowie der Biotechnologie verwirklicht.
Offenbart sich hier Dresden als Stadt des 21. Jahrhunderts, als Geburtsstätte global bedeutsamer Innovationen? Spielt hier die eigentliche "Musik" hinter den Kulissen einer sich nach außen historisch gebenden Kulturstadt? Lässt sich diese unübersehbare Spannung zwischen Traditionalismus und Fortschrittsglaube im Slogan "Hightech und Barock" einfach auflösen?
Als Forschungs-, Bildungs- und Hightechmetropole konkurriert Dresden mit anderen Städten in der Welt, mit Standorten, die sich deutlicher zukunftsorientiert geben. Städte wie Bremen, Karlsruhe, Linz oder Wolfsburg haben anspruchsvolle Verbindungen zwischen Bildung, Kunst, Wissenschaft und Hochtechnologie hergestellt. Orte wie das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe oder das Ars Electronica Center (AEC) in Linz sind Mittler zwischen Technologieentwicklung, kultureller Bildung und Orientierung. Zugleich wirken sie als Katalysatoren für Forschung und Entwicklung.
Um ein Beispiel zu nennen: Das Universum genannte Science-Center in Bremen, das sich im Besitz der Hansestadt befindet, kostete 17,5 Millionen Euro und beherbergt auf rund 4 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche 250 größtenteils interaktive Exponate. Sie locken jährlich ca. 400 000 Besucher an. Das Universum kann so über die Einnahmen kostendeckend betrieben werden.
Ein Vergleich Dresdens mit den genannten Städten offenbart ein offensichtliches Defizit von Investitionen in eine lebendige und zukunftsorientierte Kulturstadt. Dies verweist jedoch zugleich auf ein herausragendes Potenzial, das förmlich nach einer Verknüpfung mit der Kulturstadt schreit!
Machen wir uns nichts vor: Es bedarf enormer Anstrengungen, um den Mikroelektronikstandort in Dresden halten und konkurrenzfähig gestalten zu können. Dazu braucht es nicht nur enorme finanzielle, sondern vor allem geistige Ressourcen. Wenn eine leitende Mitarbeiterin eines hier ansässigen Weltkonzerns darauf verweist, dass Dresden mittlerweile vor allem wegen seiner günstigen Autobahnanbindung in Richtung Berlin und Frankfurt attraktiv sei, dann ist das für all die in Dresden lebenden Mitarbeiter des Konzerns und deren Familien ganz sicher zu wenig.
Dresdens aktuelles Selbstverständnis als "Kulturstadt" ist einerseits zu eng bemessen. Das betrifft nicht nur eine einseitige Orientierung auf repräsentative Architektur und Kunst. Der Geist des Barock beinhaltete ein universales Interesse an Wissenschaft, Handwerk, Wirtschaft, Architektur und Geschichte. Es widerspricht sogar diesem barocken Geist, wenn wir heute herausragende Leistungen in der Forschungs- und Technologieentwicklung hinter den Kulissen der "Kulturstadt" verbergen. So muss man in das AEC nach Linz fahren, um den an der TU Dresden entwickelten 3-D-Bildschirm im Kontext einer medienkünstlerischen Arbeit erleben zu können.
Verschenktes Potenzial
Andererseits redet sich Dresden als Erfinderstadt der Kaffeefilter, der Zahnpasta oder der Spiegelreflexkamera auch noch technologisch in Vorzeiten zurück. Kaum ein Dresdner, von den Gästen ganz zu schweigen, weiß, was da auf den Höhen im Norden und Süden der Stadt so alles gebaut und geforscht wird. Dass in Dresden nunmehr die weltweit erste E-paper-Fabrik steht und sich darum mehr als 300 Standorte beworben haben, ist weitgehend unbekannt.
Während August der Starke Kunsthandwerker und ihr technologisches wie künstlerisches Vermögen im Grünen Gewölbe der Öffentlichkeit präsentierte, verbirgt die Stadt ihre heutigen "Elfenbeindrechsler", "Porzellanerfinder" und "Kirschkernschnitzer": Auf fingernagelgroßen Chips integriert AMD ca. 1,5 Millionen Transistoren!
Warum wuchert Dresden nicht mit seinen Pfunden? Welches Orientierungspotenzial wird hier in einer Zeit zurückgehalten, in der die Herausbildung von naturwissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten eine so entscheidende Rolle spielt?
Dresden hat das Potenzial, die modernen wissenschaftlichen und technologischen Aktivitäten beispielhaft als Elemente einer Kultur des 21. Jahrhunderts zu präsentieren. Ein im Auftrag des Dresdner Stadtplanungsamtes erstelltes Exposé sieht vor dem Hintergrund der Analyse von weltweit 15 Beispielen den Aufbau eines Innovatorium genannten Science-Art-Centers vor.
Man könnte dieses Innovatorium auch als "Grünes Gewölbe des 21. Jahrhunderts" bezeichnen ? ein Schaufenster der Forschung und Technologieentwicklung in Dresden. Im Konzept spielen moderne Formen der medialen Audiovisualisierung, der Verknüpfung von Disziplinen und die Verbindung von Labor- und Ausstellungssituationen eine herausragende Rolle. Für den Bau des Innovatoriums sind im Exposé eine Fläche von ca. 6 000 Quadratmetern und Investitionen von ca. 35 Millionen Euro geplant.
Die Ostrainsel als Standort des Innovatoriums bietet hervorragende landschaftliche Voraussetzungen für einen Dresdner Erlebnis- und Forschungskomplex. Das Innovatorium wäre ein gewichtiger Grund mehr, junge und wissenschaftlich interessierte Menschen nach Dresden zu locken. Vor allem wäre es ein weit ausstrahlender Ort der Begegnung zwischen unterschiedlichen Disziplinen, ein Ort der Bildung und Kommunikation.
"In Dresden hat das Neue Geschichte", lautet ein weiterer Bahn-Slogan. Und hoffentlich auch eine Zukunft!
Der Autor
Dr. Klaus Nicolai studierte Kulturwissenschaft an der Universität Leipzig. Bis 1992 war er Dozent an der Kunstakademie Dresden, leitete danach Projekte am Bauhaus Dessau und war von 1995 bis 2005 Medienreferent Dresdens. Er ist Mitbegründer des Medienkunstfestivals CYNETart, das er bis 2005 leitete. 2001 initiierte er die Gründung der Trans-Media-Akademie Hellerau e. V., 2005 gründete er das Licht-Klang-Festival transNATURALE. Seit 2007 ist Nicolai Leiter des Dresdner Innovationsfonds für Kunst und Medientechnologie (DIF). Er ist Vater von drei Töchtern.